TEXTAUSZUG AUS „SCHWEIN GEHABT?“: Durch welche Hände, Maschinen und Werkzeuge muss ein Tier gehen, bis es als Fleischklops bei einer Fast-Food-Kette zum Verkauf angeboten werden kann? Eric Schlosser besucht einen Rinderschlachthof:


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Durch welche Hände, Maschinen und Werkzeuge muss ein Tier gehen, bis es als Fleischklops bei einer Fast-Food-Kette zum Verkauf angeboten werden kann? Eric Schlosser besucht einen Rinderschlachthof:

„Achteinhalb Stunden lang tut ein von Blut durchtränkter Arbeiter,den man Sticker, Stecher, Schlächter, nennt, nichts anderes als in einem Strom von Blut zu stehen, alle zehn Sekunden den Hals eines Ochsen aufzuschlitzen und die Halsschlagader zu durchtrennen. Er muss mit seinem langen Messer genau die richtige Stelle treffen, um das Tier ohne große Qualen zu töten.

Ein Mann dreht sich um und lächelt uns an.

Sein Gesicht ist mit Gehirnmasse und Blut bespritzt.

Er ist der Knocker, Schläger, der Mann, der die Rinder im Gebäude im Empfang nimmt. Die Rinder gehen eine enge Rampe hinunter und bleiben vor ihm stehen, weil ein Gitter einen möglichen Ausweg versperrt. Dann hält er sein Bolzenschußgerät an den Kopf des Tieres und feuert einen Stahlbolzen ab, der die Rinder bewusstlos schlägt.[…]Achteinhalb Stunden lang schießt er (Schlosser 2002).

Und während Eric Schlosser ihn beobachtet, geschieht es zweimal, dass der Knocker ein Tier verfehlt. Dann schießt er nochmal oder nochmal, bis das Tier von einem anderen Arbeiter, der das Tier am Hinterbein zu sich zieht, an eine Kette gehängt wird, die dann das riesige Tier nach oben reißt.

Hier nun die Berufsbezeichnungen der Arbeitenden in den Schlachthöfen; Eric Schlosser hat sich bei seinem Besuch in Schlachthöfen Notizen gemacht, Notizen, in denen man unschwer die Arbeitsschritte nachvollziehen kann, die ein Tony Vladek der Chef-Inspektorin Gail Eisnitz so drastisch geschildert hatte:

Sticker, Shackler, Rumper, First Legger, Knucker, Dropper, Navel Boner, Splitter, Too/Bottom Butt, Feed Kill Chains, die Namen der Arbeitsschritte, die den Arbeitern durch ihre Tätigkeit die Berufsbezeichnung zuweist, drücken schon verbal die möglichen Arbeitsschritte aus, Schläger, Schlächter, Stecher, Köpfer, Spalter, Zerleger, Ausbeiner, Ausweider, Kuttler; diese Berufsbezeichnungen haben einen martialischen Klang!

Arbeitsplätze im Schlachthaus werden sehr selten beschrieben! Erst bei Mother Jones, OnLineNews, fand ich eine Reportage über eine der größten Schlachtbetriebe der USA. Der Name des Arbeiters, der es wagte, über seine Situation zu berichten, wurde verschwiegen, auch die Daten, die seine nähere Umgebung beschrieben hätten, wurden verändert; so brauchte der Mann, der, soviel sei gesagt, aus dem lateinamerikanischen Raum stammt, keine Repressalien zu fürchten.

Auf dem Gang, der cut-and-kill floor genannt wird (Schneide-und Tötungsgang) weht immer ein leichter Wind. Er weht herein durch die offenen Türen: Riesige Trailer kommen mit schreienden Schweinen an, die dann in den warm room, den Warmraum, er heißt so, weil hier das Blut der Schweine fließen wird, nachdem sie hineingetrieben wurden. Der Wind weht weiter durch den breezeway, das ist eine Art Tunnel mit seitlich angebrachten Fenstern, der zwei Gebäude oder Gebäudeabschnitte miteinander verbindet, durch die die geschlachteten Tiere zur Fleischverarbeitung gekarrt werden.Überall ist dieser leichte Wind zu fühlen, wie in einem Bergtal.

In der ersten Dezemberwoche des Jahres 2006 fühlte sich der 24-jährige Matthew Garcia, Codename, elend und fiebrig. Er bekam immer stärkere Rückenschmerzen und erlitt Schwindelanfälle, aber er dachte, das sei nur eine Grippe, die ihn erwischt hätte. Das würde er schon durchstehen!

12 Wochen vorher kam Garcia an einen Arbeitsplatz, der flapsig Die Gehirnmaschine genannt wurde; diese stand am Ende des in Schlangenlinien sich windenden Ganges, der zu dem sogenannten Kopftisch, head table, führte.1300 Schweineköpfe kamen pro Stunde an einem Fließband an dem Tisch an. ArbeiterInnen schnitten die Ohren, die Schnauzen, ab und puhlten das Wangenfleisch heraus, es gehörte auch zu ihren Aufgaben, die Augen herauszustechen, die Zunge herauszuschneiden und den Tisch von den Resten freizukratzen, die auf ihm klebten. Alles aber wurde verwendet; denn alle Teile eines Schweines sind verwertbar (bis auf das Schreien der Tiere, sagen sie), nichts, gar nichts, wird weggeworfen.

Garcias Aufgabe war es, das Gehirn der getöteten Tiere zu entfernen; dazu setzte er eine Art Metallrohr oder besser, eine Art Staubsauger, an das Gehirn der toten Schweine an, das die Gehirnmasse herauszog, es sieht aus wie rosa Pudding, lacht Garcia, wenn er über seine Arbeit an der Gehirnmaschine spricht. Das Lachen klingt verlegen, nicht fröhlich.

Jede Sekunde ein Gehirn, das Schlimme, sagt er, ist der feine, rosa Dunst, und dann die rosa Masse, die durch eine mit Plastik verkleidete Öffnung in eine Art Tank fließt. Wenn dieser Tank gefüllt ist, wird er sofort abgeholt und auf ein Frachtschiff gebracht. Asien nimmt diese blass-rosa Masse mit Kusshand, sagt Garcia. Und er erzählt, dass das Band auf immer schnellere Tempi eingestellt wurde, dass die Luft nicht mehr klar wurde, die rosa Masse förmlich in der Luft hing. Der Dunst umwölkte die Arbeiter, die am Kopftisch standen, in einer grässlichen Mischung von Gehirnmasse, Blut und schmierigem Fett.

Garcia stand da, 8 Stunden täglich, und immer häufiger noch mehr Stunden, warf Schweineköpfe in die Gehirnmaschine, saugte das Gehirn der toten Tiere heraus, das automatisch in den Tank floss, der wohl unterhalb dieses Raumes war. Danach warf er die leeren Schädel auf eine Rutsche, die diese Teile aus dem Gesichtsfeld der Arbeitenden entfernte.

Es war nicht die Grippe, die Garcia aufs Krankenbett warf. Es begann ein langer Weg von Arzt zu Arzt, von Krankenhaus zu Krankenhaus. Garcia wachte eines Tages auf: seine Beine versagten den Dienst. Hohes Fieber und stechender Kopfschmerz begleiteten diese Symptome. Jeder Test zeigte neurologische Abnormitäten, das gefährlichste Symptom war eine Entzündung im Rückenmark, die als eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert wurde. Es war, so erklärte es der Neurologe Garcia, als attackiere sein eigener Körper seine Nerven.

Am Weihnachtstag eröffneten ihm die Ärzte, dass er sich auf ein Leben im Rollstuhl vorbereiten solle. Man hatte ihm sogar einen Psychiater gesandt, der ihm diese fürchterliche Nachricht überbringen sollte.

Es wird geforscht, inwieweit die Tätigkeit Garcias an den offenen Gehirnen der Schweine zu tun hat mit seiner schweren Erkrankung.

Reportagen wie diese dringen nur sehr selten an die Öffentlichkeit. Der Druck in der Fleischbranche nimmt zu, immer billigeres, d.h. kostengünstigeres, Schweinefleisch zu produzieren, das setzt die dort Arbeitenden fürchterlich unter Druck: immer schlechtere Bezahlung, immer mehr Überstunden, lausige Arbeitsbedingungen, der chronische Stress an einem sehr belastenden Arbeitsplatz usw. kann die Beschäftigten krank machen.

 

Schreckliche Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne brachten Arbeiter in Schlachthäusern und Fleisch verarbeitender Industrie dazu, sich zu organisieren. Rinderschlächter aus Chicago organisierten bereits im Jahre 1878 einen Verband, der ihre Interessen vertrat. Der Beginn einer effektiven Organisierung in diesem Gewerbe kann in der Gründung der Amalgamated Meat Cutters and Butcher Workmen of North Amerika,Vereinigte Fleischer und Metzger von Nordamerika, gesehen werden. Im Jahr 1904 waren mehr als 50 000 ArbeiterInnen in einen Streik für höhere Löhne getreten. Aber, und ich verweise hier auf Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe, der Streik musste aussichtslos bleiben. Das Klagen der Packherren, der Aufkäufer und Viehzüchter hat Bertolt Brecht in der Heiligen Johanna der Schlachthöfe, kurz Die Johanna genannt, in Verse gesetzt:

DIE AUFKÄUFER:

Da stehen wir Aufkäufer mit Gebirgen von Büchsen

Und Kellern voll von gefrorenen Ochsen.

Und wollen verkaufen die Ochsen in Büchsen

Und niemand erwirbt sie!

Und unsre Kunden, die Küchen und Läden

Sind bis zu den Decken voll von Gefrierfleisch

Und brüllen nach Käufern und Essern

Wir kaufen nichts mehr!

 

DIE PACKHERREN:

Da steh‘n wir Packherren mit Schlachthof und Packraum

Die Ställe voll Ochsen, Tag und Nacht unter Dampf

Laufen die Maschinen, Pökel, Bottich und Sudkessel

Und wollen die Herden, die brüllenden, fressenden

Umwandeln in Büchsenfleisch, und niemand will Büchsenfleisch.

Wir sind verloren!

 

DIE VIEHZÜCHTER:

Und wir, die Viehzüchter?

Wer kauft unser Vieh? In unseren Ställen stehen

Ochsen und Schweine, fressend teuren Mais

Und auf den Zügen fahren sie heran und fahrend

Fressen sie, und auf den Bahnhöfen in

Zinsfressenden Verschlägen warten sie, immer fressend.

 

MAULER:

Und jetzt weisen die Messer sie zurück.

Der Tod, dem Vieh die kalte Schulter zeigend

Schließt seinen Laden (Hervorhebung von mir).

(Brecht 1962).

 

Dass der Tod dem Vieh die kalte Schulter zeigt, indem er seinen Laden schließt, heißt aber auch, dass die Arbeiter, über deren Schicksal weder Viehzüchter, noch Packherren, noch Aufkäufer, noch Mauler, auch nur ein Wort verlieren, ihrer Arbeitsstelle, ihres Brotverdiensts beraubt werden!

Die nächste Episode, die Erik Schlosser erzählt, fasst eigentlich alles zusammen, was bis jetzt und später noch über Beschäftigte in Schlachthöfen gesagt wird und wurde: Jedes Klischee, aber auch jede Tatsache, wurde hiermit bedient, schreibt Schlosser; aber es ist die Wahrheit, die nackte Wahrheit, worüber Ramirez hier spricht:

Als Ramirez 1956 in die Schlachthöfe von Chicago kam, trieben noch Cowboys zu Pferde die Rinder vor den Pferchen in die Schlachthöfe. Ramirez war damals 17 Jahre alt.

Er sprach kein Englisch; er war gerade aus Guatemala in Mexiko gekommen und hatte in einer alten Fleischfabrik von Swift & Co Arbeit gefunden. Er war einer der wenigen Mexikaner, die dort arbeiteten; die anderen waren Polen, Litauer und Afro-Amerikaner; sie sahen auf Mexikaner herab. Ramirez durfte kein Messer, ein Zeichen der Macht, benutzen; der Aufseher wies ihm schwere, niedrige Arbeiten zu: Ramirez musste schwere Kisten schleppen, Fässer mit Fleisch. Er war über und über beschmiert mit Blut, das im Winter hart wurde und an seiner Kleidung gefror.

1993 wurde Ramirez der erste Latino, der eine lokale Fleischarbeiter-Gewerkschaft in den USA führte….“

http://www.amazon.de/Schwein-gehabt-Ann%C3%A4herung-Kulturgeschichte-Fleischessens/dp/3844290621/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1444248037&sr=8-         2&keywords=schwein+gehabt+Grabowski

Sie können gerne den Text zitieren, aber bitte, beachten Sie die Regeln des Kopierens von geistigem Eigentums. Die korrekten Zitate zu meinem Text finden Sie im Buchtext angegeben.

Danke

Mag.Dr.Annamaria Grabowski

Diplompädagogin für Erwachsenenbildung/Univ.

Lehrerin für Kunst und Deutsch et al.

straydogsworldwide@yahoo.de

2 Gedanken zu “TEXTAUSZUG AUS „SCHWEIN GEHABT?“: Durch welche Hände, Maschinen und Werkzeuge muss ein Tier gehen, bis es als Fleischklops bei einer Fast-Food-Kette zum Verkauf angeboten werden kann? Eric Schlosser besucht einen Rinderschlachthof:”

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