„Das Vieh der Reichen frißt das Brot der Armen“ Futtermittelimporte aus der Dritten Welt schaffen Getreideberge in Europa und Armut in Brasilien * der spiegel


Das Vieh der Reichen frißt das Brot der Armen

Futtermittelimporte aus der Dritten Welt schaffen Getreideberge in Europa und Armut in Brasilien *

Der Skandal ist schon seit Jahrzehnten Alltag und erstreckt sich um die ganze Welt. Er provoziert Handelskriege und die Proteste von Bauernorganisationen quer durch Westeuropa. Millionen Bauern in Ländern der Dritten Welt bezahlen mit Armut und Hunger, viele ihrer Kollegen im reichen Europa mit dem Verlust ihrer Höfe und Arbeitslosigkeit. „Es ist“, drohte ein aufgebrachter Bauernsprecher jüngst bei einer gemeinsamen Protestaktion von Bauern-, Verbraucher- und Dritte-Welt-Verbänden, „ein Skandal, den wir nicht mehr länger hinnehmen können.“

Das wird, auf absehbare Zeit, ein frommer Wunsch bleiben. Denn der Protest richtet sich gegen eine der Säulen des westeuropäischen Agrarsystems: den Import von Futtermitteln aus Übersee. Weil der Hunger der Viehmassen im vereinten Europa mit den heimischen Äckern und Wiesen profitabel nicht gestillt werden kann, erschlossen internationale Handelskonzerne in den letzten drei Jahrzehnten hier einen Milliarden-Markt. Handelsgut: überseeische Äcker und Weiden für ein Viertel des Viehbestands der EG.

Knapp 50 Millionen Tonnen Futtermittel, entsprechend etwa einem Drittel der EG-Getreideernte, schaffen sie Jahr für Jahr in die Futtertröge der westeuropäischen Ställe. Kein Tag vergeht, an dem nicht in Hamburg oder Rotterdam, Le Havre oder Bremerhaven ganze Schiffsladungen von Sojabohnen, „Maiskleber“ oder Maniok-Schnitzeln (Tapioka) gelöscht und anschließend zu „Kraftfutter“ zusammengemixt werden. Sie sind – neben der Hochleistungszucht und der rationalisierten Viehhaltung – das eigentliche Geheimnis des Produktionswunders in Europas Ställen.

Marktrenner Nummer eins mit fast 19 Millionen Tonnen jährlich ist Sojaschrot. Gewonnen in den meist hafennah angesiedelten Ölmühlen, liefert es das Gros jenes hochkonzentrierten pflanzlichen Eiweißes in den Futtermischungen, ohne das es die 6000-Liter-Kuh und das 180-Tage-Schwein gar nicht geben würde. Vergleichbare Eiweißgaben enthalten daneben noch die Schrote und Ölkuchen aus jährlich rund sechs Millionen Tonnen Kokosnüssen, Palmkernen, Erdnüssen und anderen Ölfrüchten, die aus Übersee importiert werden.

Nicht besser, aber billiger als das heimische Futter sind zudem die von Statistikern so getauften „Getreidesubstitute“. Zuvorderst die Schnitzel aus der tropischen Maniok-Wurzel, aber auch Maiskleber, ein Abfallprodukt aus der Stärkeherstellung, und Citruspellets, die Reste der Orangensaftproduktion, bereichern mit zusammen fast zwölf Millionen Tonnen jährlich den Speisezettel des EG-Viehs. Zugleich verdrängen sie das Getreide aus den Futtermischungen und halten so vor allem die Kosten der Schweinemast niedrig. Dabei werde Europa, klagten französische Genossenschaftsfunktionäre, „der Abfalleimer der Welt für Getreidesubstitute“ – und zugleich einer ihrer größten Überschußproduzenten. Denn ohne den gigantischen Futter-Input hätten Milchpulver-, Butter- und Getreideberge niemals ihre derzeitigen Ausmaße erreichen können.

Wohl rechnen die Statistiker, daß – gemessen am Energiegehalt des Importfutters – lediglich 15 bis 18 Prozent der Fleisch- und Milchproduktion Westeuropas aus überseeischen Rohstoffen hergestellt werden. Doch die eigentliche Bedeutung der Importe liegt in ihrem hohen Eiweißgehalt. Nur etwa drei Viertel des Bedarfs, so schätzen Experten, steuern Europas Bauern aus eigener Scholle zur Eiweißversorgung des EG-Viehs bei.

Wie groß die Abhängigkeit wirklich ist, enthüllt jedoch erst ein Blick auf die Intensivregionen nahe der Kanal- und Nordseeküste. Dort, im Schweinegürtel von der Bretagne über die Niederlande bis nach Dänemark, konzentrierte sich die Massenviehhaltung mit Ställen, so groß wie Fabrikhallen, und Viehzahlen von 5000 Schweinen oder 100000 Hühnern pro Anlage.

Käme es zum Importstopp, die Katastrophe wäre unvermeidlich. Nur wenige Tage reichen die Futtervorräte etwa in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg, der bundesdeutschen Schweinehochburg mit der höchsten Viehdichte der Welt. Nicht anders auch in den Niederlanden, wo nicht einmal die Hälfte aller Rinder und Schweine von den eigenen Weiden leben könnte.

Doch alle Forderungen nach einer Reduzierung der Importe, etwa auch aus dem Munde des christsozialen Bauernministers Ignaz Kiechle, bleiben ohne Wirkung. Denn die Importschraube zudrehen hieße an den Grundfesten des ohnehin nicht mehr sehr freien Welthandels rütteln. Ein schwerer Handelskrieg mit den USA wäre unvermeidlich.

Deren Unterhändler waren es, die in den sechziger Jahren das europäische Einfallstor für die Agrarhandelskonzerne offenhielten. Wenn schon der EG-Agrarmarkt durch hohe Zölle abgeschottet werden solle, so damals die Bedingung für das US-Plazet, dann müsse

wenigstens der Import von Ölsaaten und Futtermitteln unbehindert bleiben. Folgsam sparten die Europäer diese Produkte aus dem geschlossenen Markt-Konzept aus – ein gigantisches Geschenk an die Agrarhandelsbranche.

Fortan hatten alle EG-eigenen Pflanzen, die vordem den Eiweißanteil im Futter stellten, gegen die übermächtige, weil billigere amerikanische Soja-Konkurrenz keine Chance mehr. Begleitet von großangelegten Werbekampagnen, Veranstalter: die „American Soybean Association“, zog der wundersame Milch- und Fleischvermehrer Sojaschrot in die europäischen Ställe ein.

Doch bei den amerikanischen Soja-Lieferungen blieb es nicht. Schnell, zu schnell entdeckten die Händler die Dritte Welt als Selbstbedienungsladen für weitere Futterrohstoffe. Erdnüsse aus dem Senegal, Soja aus Brasilien, Kokos von den Philippinen, Palmkerne aus Indonesien – was immer als Eiweißlieferant in Frage kam, wurde aufgekauft. Neben den Eiweißquellen entdeckten findige Händler zugleich das weltweit wohl billigste Kalorien-Futter fürs Vieh, die Tapioka-Schnitzel. Vor allem Thailand, aber auch Indonesien und sogar die Volksrepublik China liefern die billigen Schnitzel für den Schweinetrog. Über 50 Länder sind so bis heute für die europäische Viehmast erschlossen worden schon über 60 Prozent der Importe kommen aus der Dritten Welt.

Die Folgen sind dramatisch. Denn nur wenige der beteiligten Länder sind in der Lage, ihre eigene Bevölkerung ausreichend mit Nahrung zu versorgen. In vielen Fällen konkurrieren die Armen direkt mit der Kaufkraft der westeuropäischen Fleischesser.

Am härtesten traf es Brasilien und Thailand, neben den USA die größten Futterkörbe für den westeuropäischen Fleisch- und Milchboom. Getrieben von der Hoffnung auf ein sicheres Einkommen und den Versprechungen vor allem bundesdeutscher Futterhändler, begannen Anfang der 70er Jahre in Thailand Hunderttausende von Kleinbauern und Landlosen, Maniok-Wurzeln für Europas Schweine anzubauen.

Millionen Hektar Urwald wurden gerodet, die lange Jahre steigende Nachfrage provozierte ein ökologisches Desaster. Mit dem Wald schwand auch dessen Funktion als Wasserspeicher. Die Böden erodieren und werden schnell unfruchtbar, anhaltende Regenfälle führen zu Überschwemmungen, schon kürzere Trockenperioden verursachen große Ernteeinbrüche. Schwerer noch wiegen die wirtschaftlichen Folgen. Denn als immer mehr Getreide in der EG durch die billigen Tapioka-Schnitzel ersetzt wurde, verordneten die Brüsseler Agrargewaltigen dem Land im Jahr 1982 kurzerhand ein „Selbstbeschränkungsabkommen“.

Darin mußten sich die Thailänder verpflichten, ihren Tapioka-Export von über sieben auf viereinhalb Millionen Tonnen jährlich zu senken, mit katastrophalen Folgen für den Preis und das Einkommen der Bauern. Als Ausgleich boten die Europäer in Kolonialherren-Manier einige Millionen Entwicklungshilfegelder, für die betroffenen Bauernfamilien ein wenig hilfreicher Trost.

Dramatischer noch wurden die Brasilianer in das Futtergeschäft verstrickt. Knapp ein Fünftel der bestellten Äcker steht dort alljährlich unter Soja. Fast die Hälfte der Jahresernte von rund 17,5 Millionen Tonnen ist für die EG bestimmt, für Großfarmer und Handelskonzerne ein einträgliches Geschäft.

Den Preis zahlte die ärmere Landbevölkerung. Angeheizt durch staatliche und internationale Entwicklungsprogramme, vollzog sich der Aufbau der Soja-Struktur in nur zehn Jahren. Bei stetig sinkenden Erlösen war der Rationalisierungsdruck gnadenlos. Millionen Bauern und Landarbeiter verloren Hof und Arbeit. An die drei Millionen Menschen, rund 40 Prozent der Landbevölkerung, das ergab eine Studie für die Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst, mußten infolge des Soja-Booms allein in den zwei südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Parana in die Slums der Städte ziehen.

Dort leiden sie weiter unter den Folgen des Soja-Booms: Weil Boden, Arbeit und Kapital der Nahrungsmittelproduktion entzogen wurden, verschärfte er die Nahrungsknappheit – und wird es auch in Zukunft tun. Brasiliens Regierung sitzt in der Schuldenfalle, Impulse für eine andere Agrarpolitik könnten nur vom reichen Norden ausgehen.

Doch die sind nicht in Sicht. Zwar erheben Solidaritätsgruppen schon seit Jahren die Anklage „Das Vieh der Reichen frißt das Brot der Armen“. Doch die Verantwortlichen waschen ihre Hände in Unschuld. Der Vorwurf halte, gab etwa das Bonner Landwirtschaftsministerium bekannt, „einer sachlichen Überprüfung nicht stand“. Weil zum Beispiel in Brasilien der Ertrag je Hektar im Weizenanbau dreimal niedriger sei als im Soja-Anbau, lohne sich dieser eben mehr.

Weizen, so die Logik der Bonner Agrarbürokraten, könne ja auf dem Weltmarkt eingekauft werden – gerade so, als ob es die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Macht und Ohnmacht dort nicht gäbe. Nicht teurer Weizen ist es, was den Hungerscharen in Brasiliens Städten fehlt. Mais und schwarze Bohnen sind ihre Hauptnahrungsmittel, aber die Versorgung stagniert seit zehn Jahren. Europas Schweinemäster zahlen besser.

Published by: curi56

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