JUNGE STIERE: Sie leben keine sieben Tage mehr


Sie leben keine sieben Tage mehr

Die Milchwirtschaft rentiert kaum noch. Die Folge: Männliche Kälber werden zunehmend zum Abfallprodukt und kurz nach der Geburt getötet. Landwirte halten sich dabei angeblich nicht an die gesetzlichen Fristen.

Männliche Jungtiere haben eine geringe Lebenserwartung: Ein Kalb im Berner Oberland.

Männliche Jungtiere haben eine geringe Lebenserwartung: Ein Kalb im Berner Oberland. Bild: Peter Schneider/Keystone

In der Fleisch- und Milchbranche wächst die Angst vor einem Imageverlust: «Wir sitzen auf einem Pulverfass. Unternehmen wir nichts, explodiert es», sagt ein Vertreter der Fleischwirtschaft. Er möchte anonym bleiben, weil er nicht als Nestbeschmutzer gelten will. Branchenvertreter haben sich letzte Woche mit ­Exponenten aus Bauernkreisen zu einer Lagebeurteilung getroffen – hinter verschlossenen Türen. Sie sind bemüht, das Problem ohne viel Tamtam zu lösen.

Das Problem – es wächst im Schatten der Milchproduktion. Und es betrifft Kälber, vorab männliche. Sie sind Opfer einer Entwicklung, die auch die Schweiz erfasst hat: Mit Milch lässt sich immer weniger Geld verdienen. Die Aufhebung der Milchkontingentierung in der Schweiz vor sechs Jahren halbierte die Weltmarktpreise und der Einkaufstourismus setzte den Schweizer Milchbauern zu. Mit Folgen. Ein Verdrängungskampf hat eingesetzt. Um überleben zu können, müssen die Milchbetriebe wachsen und spezialisieren sich immer stärker auf die Produktion des weissen Getränks. In der Schweiz leben 600’000 Milchkühe. Pro Jahr kommen Kälber in der gleichen Grössenordnung zur Welt. Der Konsum von Kalbfleisch hingegen ist hierzulande rückläufig.

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Doch die Strategie, sich auf maximale ­Effizienz zu trimmen, bedeutet zugleich, dass die Aufzucht von Kälbern an Bedeutung verliert. Männliche Jungtiere von Hochleistungs-Milchrassen wie Holstein und Red Holstein setzen ohnehin zu ­wenig schnell und zu wenig Fleisch an. Wirtschaftlich betrachtet, gelten sie daher mehr denn je als unrentabel. In der Regel nach 40 bis 50 Tagen sind sie bis jetzt geschlachtet und zu Wurstfleisch verarbeitet worden. Unter dem wachsenden wirtschaftlichen Druck erfolgen diese Tötungen nun aber zunehmend häufiger vor Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von 7 Tagen nach der Geburt; dieses Fazit zieht zumindest der Schweizer Tierschutz (STS). Er beruft sich auf Insiderinformationen aus Milchviehbetrieben im Kanton Waadt. Demnach töten Bauern Kälber kurz nach der Geburt oder behandeln erkrankte Tiere nicht mehr. Lieber lassen sie die Jungen sterben, um sich ihrer so auf einfache Art zu entledigen.

Um nicht aufzufliegen, tricksen die Bauern und melden die Tiere in der Tierverkehrsdatenbank des Bundes entweder als Totgeburt oder als binnen 3 Tagen verendet, wie der STS vermutet. Die offiziellen Zahlen zeigen zumindest Auffälligkeiten: So sind gemäss Statistik letztes Jahr 10’100 Kälber der Rassen Red Holstein und Holstein entweder tot zur Welt gekommen oder spätestens 3 Tage nach der Geburt gestorben – das sind knapp 4000 mehr als 2010, und dies bei nur leicht schwankender Geburtenrate. Bei Red-Holstein-Kühen ist gemäss Statistik mittlerweile ­jedes vierzehnte Kalb auf eine der beiden Arten verendet, was 7 Prozent aller Geburten in dieser Rasse entspricht. Dieser Wert liegt über dem Durchschnitt aller Rindvieh­rassen (4,6 Prozent). Auch bei den Holstein-Kühen (6,5 Prozent) bewegt er sich über dem Mittel. Fachleute stehen vor einem Rätsel, denn Geburten bei Milchkühen sind eigentlich weniger anfällig auf Komplikationen als bei Kuhrassen für die Fleischwirtschaft.

Angesichts dieser Zahlen warnt STS-Geschäftsführer Hansuli Huber: «Der Sündenfall bei den Hühnern darf sich nicht noch einmal wiederholen.» Seit 50 Jahren würden männliche Küken geschreddert oder vergast, weil die Zucht derart intensiv und einseitig sei. Das «Eintagskälbchen», so Huber, dürfe auf keinen Fall zur akzeptierten Begleit­erscheinung der modernen Milchproduktion werden. «Das wäre unethisch.» Man werfe neugeborenes Leben fort, die Kuh baue das Neugeborene im Prinzip nutzlos auf, verbrauche dafür erhebliche Ressourcen. «So etwas kann sich nur eine Wohlstandsgesellschaft leisten, die den Bezug zur Natur und zum Denken in Kreisläufen verloren hat.» Der Schweizer Tierschutz fordert nun, dass Kälber künftig frühestens nach 60 bis 90 Tagen geschlachtet werden dürfen.

Zur Forderung der Tierschützer will sich aus der Branche noch niemand äussern. Proviande, die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, anerkennt jedoch das «ethische Problem», das die Tierschützer thematisieren, wie Peter Schneider sagt, Leiter Geschäftsbereich Klassifizierung und Märkte. «Jedes Tier, das auf die Welt kommt, soll eine sinnvolle Verwendung finden.» Das Treffen von letzter Woche hat ein erstes greifbares Resultat gebracht: Eine Arbeitsgruppe soll eine Branchenlösung erarbeiten. Alle Kälber sollen künftig vor dem Verkauf «eine möglichst optimale Haltedauer auf dem Geburtsbetrieb verbringen», so Schneider. Ziel sei es unter anderem, die Gesundheit junger Kälber zu optimieren, um dadurch den Einsatz von Medikamenten zu reduzieren. Präziser wird er nicht. Ein nächstes Treffen ist für Ende Juli geplant.

Fraglich bleibt, ob die Branche die 7-Tage-Regel anzutasten wagt. «Wir können nicht ausschliessen, dass es in der Schweiz Fälle gibt, bei denen der Umgang mit Kälbern nicht korrekt ist», sagt Kurt Nüesch, Direktor der Organisation Schweizer Milchproduzenten. «Wir sind aber überzeugt, dass es sich im Unterschied zu anderen Ländern höchstens um Einzelfälle handelt.»

Die Zeit drängt

Das Problem entschärfen könnte laut Nüesch Spermasexing – eine Methode, mit der sich das Geschlecht der Kälber beeinflussen lässt. Auch soll das Projekt «Wurstkälber» wiederbelebt werden. Lanciert hatte es 2011 der Bauernverband. Die Milchproduzenten sollten die nicht zur Weiterzucht bestimmten Kälber selber mästen und sie nach sieben Wochen als «Wurstkälber» schlachten lassen. Doch das Projekt ist nie richtig in Schwung gekommen. Viele Milchviehbetriebe scheuten den Aufwand zur Mast der eigenen Tiere. Zudem waren die Preise für Wurstkälber schlecht. Damit das Projekt jetzt reüssiert, so stellt Nüesch klar, «braucht es den Willen und die Bereitschaft zur Unterstützung der gesamten Branche». Die Zeit drängt. Ab Oktober werfen die Kühe ihre Kälber. «Bis dann», sagt Schneider von Proviande, «muss die Branche eine Lösung finden.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.06.2015, 20:25 Uhr) http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Sie-leben-keine-sieben-Tage-mehr/story/27801309

Published by: curi56

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