„Schwein gehabt?“ Textauszug aus meinem Buch


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Deutsch: Albrecht-Dürer-Schwein im Wildpark Hundshaupten. Eine Rückzüchtung die so aussieht, wie die Schweine um 1500 in Deutschland. Die Rückzüchtung basierte auf Bildern von Albrecht Dürer (Photo credit: Wikipedia)

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Textauszug aus Schwein gehabt?

Von der Assembly Line zur Dissambly Line

Viele Techniker und Wissenschaftler machten sich Gedanken zur Anwendung der Mathematik auf das Schwein. Aber auch technische Errungenschaften auf anderen Gebieten wurden wiederum in den Schlachthöfen eingesetzt. So wurde das Fließband, die sog. Assembly Line um 1910 zum ersten Mal bei der Autofabrik Henry Ford zur Herstellung des ersten Serienwagens, des Modell T, eingesetzt. Die Neuerung bestand nun darin, dass das Produkt sich bei der Assembly Line auf den Arbeiter zubewegte; dieser blieb an seinem Arbeitsplatz stehen und führte dort die immer gleichen Bewegungen an den auf den Assembly Lines vorbeigleitenden Autos durch.

Diese Assembly Lines waren aber nicht die Erfindung von Ford; sie stellten die Nachahmung der im Jahr 1830 in Cincinatti, Ohio, erfundenen Disassembly Lines dar, die jedoch nicht zum Zusammenbauen – hier von Autos – sondern zum Zerlegen – hier von Tierleibern – gedient hatten. In der ursprünglichen Form der Disassembly Lines hingen da geschlachtete Schweine an einer rundlaufenden Kette, während Arbeiter auf ihrem Arbeitsplatz das immer gleiche Stück Fleisch oder den gleichen Knochen bei jedem herankommenden Tier durchschneiden oder durchschlagen mussten.

Source: Library of Congress, 1904 USA Windsor Leland löste das o.g. Problem, bei dem durch das waagerechte Liegen der toten Schweine das Blut nicht völlig abfließen konnte, im Jahre 1866 dadurch, dass er die sog. Slaughtering Machine erfand. Das war eine epochemachende Erfindung, die viele weitere Erfindungen und Erkenntnisse bezüglich der Technik in der Fleischverarbeitenden und anderen Industrien nach sich zogen.

Lelands bahnbrechende Idee

Ein Haken, den man dem lebenden Schwein ins Schienbein bohrte, wurde mittels eines Dampfaufzugs an einer Zahnstange in die Höhe gerissen. Das Schwein wurde mit dem Bein an dem Transportband hängend weiterbewegt, so dass ihm, ohne den Hammerschlag auf den Kopf, bei lebendigem Leib die Gurgel durchgeschnitten werden konnte. Der Kadaver wurde dann, wie sonst auch, entborstet, enthäutet, ausgeweidet, zerstückelt, zerschnitten: Das Tier mit dem Kopf nach unten zu töten, erleichterte das Ausbluten und verbesserte

Fleischqualität, bemerkte D`Eramo in seinem Roman Das Schwein und der Wolkenkratzer (D`Èramo 1998) .

Mehr wissenschaftliches Vorgehen bedeutete mehr Rationalisierung und höheren Einsatz von Maschinen. So wurde der Prozess des Schlachtens zu einem wissenschaftlichen Forschungsobjekt. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung standen an einer Disassembly Line 126 Personen, um ein Schwein zu schlachten und herzurichten. Die hervorragende Art, wie in Chicago alljährlich Hunderttausende von Rindern und mehr als eineinhalb Millionen Schweine und Schafe empfangen, untergebracht, ernährt und verschickt werden, ruft die Bewunderung der ganzen Welt hervor. Das barbarische und abstoßende Geschäft des Viehhandels sei auf diese Weise vom Schmutz gereinigt, sauber, leicht, ansehnlich und angenehm geworden (D’Eramo 1998) .

Wer ist Marco D`Eramo? Ein italienischer Soziologe, der in dem Vorwort zu seinem Buch Das Schwein und der Wolkenkratzer über Chicago schreibt, ja, nicht nur über Schweine und Wolkenkratzer; er übernimmt eine brillant geschriebene, kleine Kulturreise durch Chicago: Es wäre ganz nutzlos abzustreiten, wie liebenswert diese Stadt ist, wie sehr sie für sich einzunehmen versteht. Neben den korruptesten Politikern Amerikas, den gewalttätigsten Gangs und den skrupellosesten Kapitalisten hat sie die sozialsten Bewegungen hervorgebracht, hier hat Reverend Jesse Jackson seine politische Laufbahn begonnen. Unter den Bäumen des Lincoln Parks am blauen See nähern sich Eichhörnchen ohne jede Scheu dem Spaziergänger, um sich füttern zu lassen (D`Eramo 1998).

Aber das so strahlende Geschäft des Schlachtens durch die wissenschaftliche Schlachtmaschine, die geniale Idee Lelands, hatte furchtbare Nebenwirkungen Da das Schwein mit dem Kopf nach unten bei lebendigem Leibe geschlachtet wurde, spritzte das Blut im Todeskampf des Tieres, weil das Herz noch arbeitete, mit unvorstellbarem Druck in alle Richtungen. Dazu kam der Lärm. In den alten Schlachthäusern, in denen die Tiere mit einem Hammerschlag getötet worden waren, gab es wenig Geräusche. Die an einem Haken aufgehängten Schweine dagegen – denen man ja bei lebendem Leibe einen Haken in das Schienbein getrieben hatte – grunzten und quiekten jämmerlich, und diese herzzerreißenden Laute erhoben sich gleichzeitig aus Tausenden von Schweinekehlen (D’Eramo 1998) .

Nur nebenbei bemerkt: Die Vereinigung der Metzger, die Chicago Butchers Association lobte 1869 einen Wettbewerb zur Prämierung des Ersten Nationalen Schlachtchampions aus. Man spricht heute noch von einem gewissen Leyden, der sein Rind in vier Minuten und 45 Sekunden schlachten und zurichten konnte (Wade 1987).

Schlachten am Fließband war nun zur Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik geworden. Sinclair spricht sein Schaudern über dieses Geschehen und sein tiefstes Mitgefühl für die Schlachttiere in den Yards aus: Dennoch konnte selbst der unsentimentalste Mensch nicht umhin, an die Tiere zu denken. Sie waren so arglos, trotteten so vertrauensselig herbei, wirkten in ihrem Protest so menschlich – und waren mit ihm so im Recht! Sie hatten nichts verbrochen, womit sie das verdient hätten, und zu dem Unrecht kam noch die Demütigung, die kaltblütige, unpersönliche Weise, wie man sie hier ins Jenseits beförderte, ohne auch nur die Vorspiegelung einer Abbitte, ohne Opferung einer einzigen Träne.[…] Was hier vor sich ging, war wie ein Verbrechen, das in einem Verlies begangen wird, unbemerkt und unbeachtet, vor allen Augen verborgen und sogleich aus dem Bewusstsein verdrängt. Man konnte nicht lange zusehen, ohne ins Philophieren zu kommen, ohne auf Gleichnisse zu verfallen, Sinnbilder zu sehen und das Schweinequieken des ganzen Alls zu hören.

Sollte es wirklich nirgendwo auf der Erde oder über der Erde einen Himmel für Schweine geben, wo sie für all ihr Leiden entschädigt werden? Jedes dieser Schweine stellte doch ein Geschöpf für sich dar; manche waren rosa, andere schwarz oder braun, wieder andere gefleckt; manche waren alt, manche jung, manche waren rank und schlank, manche dick und fett. Und jedes hatte seine Individualität, seinen eigenen Willen, seine Wünsche und Hoffnungen, jedes besaß Selbstgefühl und Würde. Vertrauensvoll und stark im Glauben war es seinen Geschäften nachgegangen, während die ganze Zeit ein schwarzer Schatten über ihm schwebte und ein schreckliches Verhängnis seiner harrte. Und jetzt schlug dieses Schicksal plötzlich zu, kam wie ein Raubvogel herabgestürzt und packte es am Bein. Brutal vollzog es seinen Willen an ihm, gefühllos gegen alles Protestieren und Schreien des Tieres, so als hätte dieses überhaupt keine Empfindungen – es schnitt ihm die Kehle durch und schaute zu, wie es sein Leben aushauchte. Sollte man da nun glauben, dass es nirgendwo einen Gott der Schweine gebe, dem diese Schweinepersönlichkeit teuer ist, dem diese Schreie und Todesqualen etwas bedeuten? Der das Schwein dann in die Arme nimmt und es tröstet, der es für sein wohlgetanes Werk belohnt und ihm den Sinn seines Opfers klarmacht (Sinclair 1985)?

Astrid Lindgren, die bekannte schwedische Autorin, führte eines Tages mit Gott ein Gespräch – im Traum natürlich. Astrid fragt Gott: Und Er sah, dass es gut war? Meinst du das wirklich? Gott antwortet: war es denn nicht so, nicht gut? Wart ab, sagt Astrid, bis du erst die Tierfabriken mit ihren riesigen Beständen zu sehen kriegst! Was hältst du zum Beispiel von einer Tierfabrik, die Jahr für Jahr 30 000 Schweine umsetzt? Du findest ja, dass Schweine so vergnügte Tiere sind! Glaubst du wirklich, dass man unter diesen 30. 000 auch nur ein einziges vergnügtes Ferkel finden kann? Oder eines, das einigermaßen gesund ist? Gott ist jetzt wirklich aufgebracht und fordert Astrid auf: Ich will den sprechen, der für all das verantwortlich ist. Wer ist das (Lindgren 1992)?

Sinclair hätte sich sicher in dieses Gespräch eingemischt und den Gott in Astrid Lindgrens Traum gefragt, ob er dieser Gott sei, der das Schwein in den Arm nehmen und es trösten, der es für sein wohlgetanes Werk belohnen und ihm den Sinn seines Opfers klarmachen werde? Es ist vielleicht nicht bekannt, dass Astrid Lindgren aktive Tierschützerin war. In ihrem Kinderbuch Meine Kuh will auch Spaß haben, das sie gemeinsam mit der schwedischen Tierärztin, Kristina Forslund, geschrieben hatte, berichtet sie über ihren Traum, in dem sie erlebte, dass Gott für eine kleine Inspektionsrunde zur Erde gekommen war, um zu kontrollieren, wie es den Tieren auf Erden erginge. Bring mich zu irgendeinem traulichen Platz, an dem viele Tiere versammelt sind, sagte Gott. Und Astrid schlägt ihm nun listigerweise vor, doch bei den Schweinen vorbeizuschauen. Das gefällt Gott, er sagt, Schweine sind vergnügte und intelligente Tiere, und komischerweise mögen sie es, wenn man sie kitzelt, das weiß ich noch genau.

Und Astrid führt Gott direkt in die Hölle, in einen Schlachthof für Schweine. Halt, halt, stopp, diese Tiere leiden, das sehe ich! schreit er. Und er sieht die Menge der von Entsetzen gepackten Schweine, die mit elektrischen Schlägen zum Schlachten getrieben werden, er sieht, wie die in rasendem Tempo betäubt und auf Haken gehängt, abgestochen und ausgeblutet werden. Gott schien einen Augenblick überhaupt nichts zu begreifen. Er wirkte völlig verstört vom Anblick der Schweine, die hastig ausgeblutet und dann in den Brühkessel geworfen wurden. Darunter war auch ein armes, kleines Ferkel, das wegen der Eile nicht richtig ausgeblutet war. Als es in dem heißen Brühwasser landete, erwachte es quiekend wieder zum Leben und machte sich in seiner Panik daran, im Kessel herumzuschwimmen, mitten zwischen seinen dahintreibenden, toten Ferkelfreunden (Lindgren 1991). Und ein ehemaliger Kopf-Schlächter aus Deutschland schreibt in seiner Lebensbeichte

Oder bei den Spanferkeln, die die Leute draußen fressen – die Quiekerei und die Schreie von den Kleinen – die ahnen das, die spüren, wenn sie geschlachtet werden sollen. Wenn´s einer nicht kann – die schießen dann verkehrt oder stechen verkehrt und diese Tiere leben dann ja noch -, bei lebendigem Leib werden viele geschlachtet, die Spanferkel. Ja, die kommen also erst mal rein, die kommen dann in so einen Kessel rein, dann werden sie enthaart. Ja, viele leben noch, na logo! Etliche kommen lebend in den Kessel rein zur Enthaarung. Das ist siedend heiß, das Wasser. Die Borsten werden dann abgebrüht. Dann werden sie gehäutet (Marterer o.J.).

Und dann fällt mir Jurgis ein, der zu Dieve sagt, was bin ich froh, kein Schwein zu sein!

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