Das Schwein als Projektionsleinwand der Menschen


Karmelitenkreuzgang, Adler u. Schwein SW
Karmelitenkreuzgang, Adler u. Schwein SW (Photo credit: Wikipedia)
Bundesarchiv Bild 183-15930-0004, Schweinemast...
Bundesarchiv Bild 183-15930-0004, Schweinemast ohne Kartoffel (Photo credit: Wikipedia)

SCHWEIN GEHABT?!

Geschrieben von: chengemagazin Am 22. November 2012 

 

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Dass das Schwein im Islam nicht sehr beliebt ist wissen die meisten Deutschen, da man es von mindestens Einem der4,5 Millionen, in Deutschland lebenden, Muslime schon einmal gehört hat. Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen islamischen Migranten und Deutschen, bei dem es unter anderem um den Verzehr von Schweinefleisch geht. Geht es bei diesem Konflikt wirklich nur um unterschiedliche Essgewohnheiten? Welchen symbolischen Stellenwert hat das Schwein in dieser Beziehung?

Das Verzehren vom Schwein ist in vielen Religionen verboten, da es oft als unrein bezeichnet wird und ein Zeichen von „Dreck“ ist. Sogar im Alten Testament ist von Unreinheit die Rede:„Du sollst nichts essen, was ein Gräuel ist. Dies aber sind die Tiere, die ihr essen dürft:…Das Schwein, das zwar gespaltene Klauen hat, aber nicht wiederkäut, soll euch darum unrein sein. Ihr Fleisch sollt ihr nicht essen, und ihr Aas sollt ihr nicht anrühren.“ (Deuteronomium 14:3-8) (- Siehe auch Levitikus 11-1-8). Es wird seit Jahrtausenden versucht, das Schweinefleischverbot mit der unreinen Lebensweise der Schweine zu begründen.

Daher ist es auch keine Seltenheit, dass muslimischen Schüler, ihre deutschen Mitschüler während der Pause, wenn die Butterbrote ausgepackt werden, als „Schweinefleischfresser“ beschimpfen. Diese Beleidigung ist sehr ausdrucksstark, da sie eine mächtige symbolische Bedeutung hat. Doch diese Art von Beleidigung ist nicht selten, ganz im Gegenteil: Kümmeltürke und Spaghettifresser sind bereits im Duden zu finden. Die Italiener nennen die Deutschen „Würstel con Krauti“ und mit ein wenig Phantasie könnte man die Griechen als Zaziki, die Franzosen als Froschfresser, die Spanier als Tortilla oder die Japaner als Sushi bezeichnen.

 

Anderen wiederum vergeht der Appetit.

Ich selbst wurde in Deutschland schon als Fladenbrotfresser bezeichnet, obwohl ich das „gute, alte“ deutsche Schwarzbrot bevorzuge. Allerdings habe ich beobachtet, dass die Deutschen im Urlaub in Marokko, Ägypten und der Türkei zu begeisterten „Fladenbrotfressern“ wurden und voller Stolz die Fotos herzeigen, auf denen sie ihr Buffet im Hotel oder im naheliegenden Restaurant zeigen. Meine Verärgerung über den „Fladenbrotfresser“ legte sich, als ich erstaunt feststellte, dass Fladenbrot in Europa zu den ältesten Speisen gehört, was sich in Schriften vom 3. Jahrtausend vor Christus belegen lässt.

In Deutschland werden despektierliche Gesten wie Mittelfinger, Vogelzeigen, ferne Beschimpfungen wie „Dumme Kuh“, „Wichser“, „Schlampe“, „alte Sau“, „dummes Schwein“ und „fieses Miststück“ mit bis zu zwei Jahren Haft oder mit einer Geldstrafe bis zu 2600 Euro geahndet werden. Spaghettifresser, Döner, Schweinefleischfresser, Kartoffel, Fladenbrotfresser oder Kümmeltürke dagegen sind als Schimpfworte an sich nicht strafbar, da kommt es auf den Zusammenhang an. In den Duden hat „Schweinefleischfresser“ bisher noch nicht Platz gefunden, Kümmelturke und Spaghettifresser dagegen sind fest etabliert.

Jetzt aber haben sich deutsche Politiker Gedanken gemacht und verlangen nun, deutschfeindliche Bezeichnungen wie Schweinefleischfresser oder deutsche Kartoffel zu bestrafen. Es wird sogar von Gesetzinitiative gesprochen, um solche Beschimpfungen zu verhindern. Wenn Deutsche und beispielsweise Türken sich von solchen Klischees lossprechen wollen, sollten sie am besten ganz auf Nahrung verzichten.

Leider begrenzt sich Deutschen- bzw. Ausländerfeindlichkeit nicht „nur“ auf Worte, sondern auch auf Taten, wie es am 28.04.12 in Neukölln zu sehen war: Zwei Unbekannte legten zwei abgetrennte Schweineköpfe in den Eingangsbereich einer Moschee ab. Diese Tat ist leider kein Einzelfall: Graz, Neukölln, Liers etc.

Auch in Haslach im Kinzigtal wurde ein abgetrennter Schweinekopf vor eine Moschee gelegt. Jedoch stufen die Ermittler diese Tat eher als „dummer Jungen-Streich“ ein, anstatt es als rassistisch motivierte Tat aufzufassen. Wie die Polizei zu dieser Ansicht kam, sagte sie allerdings aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht und hüllen sich ins Schweigen. Dass „dumme Jungen“ aus purem Jux zum Schlachthof fahren um sich einen Schweinekopf zu kaufen, erscheint jedoch als unwahrscheinlich.

Etwas Ähnliches geschah in Frankreich, als es zu einer Demonstration gegen „Islamisierung“ kam. Eine Gruppe von Franzosen rief 2010 zu einer Freiluftparty im Pariser Einwandererviertel La Goutte-d’Or, was Goldtropfen heißt, es dort jedoch weniger harmonisch ist, als es der Name verspricht. „Saucisson et pinard“ – Wurst und Wein soll es geben – Schweinefleisch und Alkohol also. Mit dem Gelage wollen die Organisatoren ein Islamfeindliches und provokantes Stellung beziehen. Muslime werden als „Gegner unserer Weine und unserer Wurstwaren“ bezeichnet. Aus diesem Grund wählt die Rechtsextremistische Gruppe Bloc Identitairedas Wildschwein als Logo für ihre Gruppierung. Nun möchten sie eine neue Résistance einleiten, zunächst einmal mit Schwein und Wein.

Sie dürften Ausländer- als auch Deutschenfeindlichkeit als Schweinerei empfinden, daher gebe ich Ihnen nun einen abschließenden Tipp: Man ist überall fremd.

Rami Abu Harb

Das freundliche Hausschwein.

 

TIPPS UND LINKS:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/neukoelln-abgetrennte-schweinekoepfe-vor-moschee-gelegt/6568832.html

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72321/umfrage/entwicklung-der-anzahl-der-muslime-in-deutschland-seit-1945/

http://www.wegzumislam.com/essen-a-trinken/253-grund-fuer-das-verbot-von-schweinefleisch

http://www.sueddeutsche.de/service/mein-deutschland-am-besten-ganz-auf-fleisch-verzichten-1.1028232

http://de.wikipedia.org/wiki/Fladenbrot

http://www.sueddeutsche.de/politik/islamfeindlichkeit-in-frankreich-kreuzzug-mit-schwein-und-wein-1.959915

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