Eine quälend lange Schweine-Tour im Tiertransporter


Zeichnung von Homer Davenport
Image via Wikipedia

Eine quälend lange Schweine-Tour im Tiertransporter

Von Heinrich Thies
26.01.2012 10:43 Uhr
Für ein paar Cent mehr quer durch Deutschland: Die Viehtransporte werden quälend lang. Die Tiere leiden und am Ende auch der Verbraucher.
Ein Schweine-Leben. 

Ein Schweine-Leben: Vom Stall auf die Autobahn in die Schlachterei.

© Martin Steiner

Hannover/Lüchow. Es ist noch stockdunkel. Gegen 5.30 Uhr fährt Helfried Nack im östlichen Wendland mit seinem Viehtransporter vor einer großen Flachbauhalle in der Nähe des Dorfes Pannecke vor, um 150 Schlachtschweine abzuholen. Es gehört viel Geschick dazu, den Lkw mit den zwei Anhängern rückwärts vor die Verladerampe zu manövrieren. Doch der 41-jährige Viehfahrer, erst seit drei Monaten im Auftrag der Viehvermarktung Lüchow unterwegs, hat schon im zweiten Anlauf die richtige Position erreicht. Was folgt, ist Routine: Klappen öffnen, Sägemehl ausstreuen.

Gegen sechs Uhr kommt Jungbauer Andreas Mahnke mit seinem Vater und öffnet den Stall. Angelockt vom Licht trippelt der erste Trupp auf die Rampe. Die Schweine sind erst sechs Monate alt, aber schon im Schnitt 120 Kilo schwer. Mit einem Treiberbrett schiebt Viehfahrer Nack sie weiter auf den Anhänger. Behutsam, aber zügig. „Hey, hey, los hier.“ Am Ende wird es eng. Als der Fahrer die erste Trennwand einhängt, drängen sich zehn Schweine auf wenige Quadratmeter. Sie springen übereinander, quieken. Aber Nack muss sich schon der nächsten Schweinegruppe zuwenden, die aus dem Stall strömt. Als die dritte Gruppe auf dem Anhänger steht, wird der Metallboden hochgefahren. Jeder Anhänger hat drei Etagen, jeweils kaum mehr als einen Meter hoch. Damit wird es noch enger. Aber das ist erlaubt.

Transportdauer und Ladedichte sind zwar gesetzlich geregelt, doch aus Sicht des Tierschutzbundes ist die EU-Gesetzgebung ein „Tropfen auf dem heißen Stein“. Einem Schwein von 100 Kilogramm zum Beispiel wird nur ein halber Quadratmeter zugestanden, und es darf bis zu 24 Stunden transportiert werden.

Bei Razzien zeigt sich, dass nicht einmal die Minimalforderungen eingehalten werden. Bei einer Kontrolle von 50 Viehtransportern auf der A 1 zwischen Hamburg und Bremen stellte die Autobahnpolizei Sittensen Anfang Januar bei jedem zweiten Fahrzeug massive Verstöße fest. Auffällig oft waren die Transporter überladen. Ein Schweinetransporter aus dem Kreis Rotenburg  hatte gleich 60 Tiere mehr an Bord als erlaubt. Statt auf 126 Quadratmetern wie vorgeschrieben drängten sich die  Schweine auf 85 Quadratmetern. Ganz so beengt ist es für die Schweine von Bauer Mahnke nicht. Der Landwirt hat allen Tieren mit dem Schlagstempel seine Betriebsnummer auf den Rücken tätowiert, so dass sie später am Schlachtband identifizierbar sind. Hier wird das Schlachtgewicht festgestellt, das über den Preis entscheidet.

Der Gewinn liegt zwischen zehn und zwanzig Euro. Pro Schwein. „Das ist ganz knapp“, sagt Mahnke. „Da muss man mit jedem Cent rechnen.“ In diesem Fall hat Mahnke sich für den Tönnies-Schlachthof in Weißenfels bei Leipzig entschieden, rund 250 Kilometer entfernt. „Eigentlich Blödsinn, die Viecher so weit zu karren. Aber im Wendland würde ich drei bis fünf Euro pro Schwein weniger kriegen, das kann ich mir nicht leisten.“

Die Konzentration in der Fleischbranche führt dazu, dass immer weniger Schlachthöfe immer mehr Vieh verarbeiten. Die Transportwege werden folglich länger. In die Barockstadt Weißenfels zum Beispiel werden Schweine aus ganz Deutschland gebracht – bis zu 15.000 am Tag. Ähnlich lange Wege legen die Schweine, Rinder und Kälber zurück, die auf niedersächsischen Schlachthöfen enden. Da es in der deutschen Fleischbranche keine Mindestlöhne gibt und Schlachterkolonnen aus Osteuropa für wenig Geld angeheuert werden, lassen auch Niederländer und Dänen ihre Schweine in Deutschland schlachten.

Die größten Probleme sehen Tierschützer bei Rindertransporten. „Die Rinder stoßen sich in den Doppelstockwagen die Köpfe an den niedrigen Decken wund“, sagt Frigga Wirth, Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund. „Und mit der EU-Erweiterung sind die Wege immer länger geworden.“ So sei es keine Seltenheit, dass Rinder von Estland steuerlich subventioniert in die Türkei gefahren würden. „Die stehen dann oft stundenlang bei großer Hitze an der Grenze zur Türkei, ohne dass sie getränkt werden“, sagt die Tierschutzreferentin. Auch heimische Spediteure sind mit von der Partie. Eine neue Vereinbarung zwischen Berlin und Ankara macht es möglich, dass auch deutsche Zuchtrinder in die Türkei ausgeführt werden. „Schon innerhalb der EU sind die Transporte inakzeptabel“, sagt der Präsident des Tierschutzbundes, Thomas Schröder. „Die Wege bis in die Türkei sind für die Tiere eine pure Qual.“

Auch Viehfahrer Nack wird künftig vermutlich sehr viel weiter fahren müssen. Sein Chef von der Viehvermarktung Lüchow hat gerade in Kaliningrad über die Anlieferung von Rindern aus Niedersachsen verhandelt. „Man muss jede Chance beim Schopfe packen“, sagt Geschäftsführer Joachim Behrens. Eigentlich ist die Viehhandelsgenossenschaft bekannt für ihren schonenden Umgang mit Tieren. Doch der Chef ist genauso im System gefangen wie sein Fahrer, der manchmal davon träumt, wieder wie in jungen Jahren als Wanderschäfer durchs Land zu ziehen. Nur die Funksprüche vorbeifahrender Kollegen lockern die Fahrt auf: „Moin, moin …“  

Von den 180 Schweinen dagegen ist kaum mehr etwas zu hören. Manche scheinen zu schlafen. Dabei ist der lange Weg über die kurvenreichen Landstraßen der Altmark in Richtung Magdeburg  keine Spazierfahrt. Aber nach dreieinhalb Stunden ist der Schlachthof Weißenfels erreicht. Doch auf dem Großparkplatz warten schon 50 Viehtransporter – manche seit dem frühen Morgen. Für Fahrer Nack erfüllt sich ein Albtraum, als er erfährt, dass beim Schichtbeginn um 4 Uhr morgens erst einmal 15 Transporter „abgefertigt“ werden mussten, die schon am Vorabend gekommen waren. Der Stau wirkt noch nach. „Lasst uns erstmal einen trinken“, scherzt ein Kollege. „Bis wir dran sind, sind wir wieder nüchtern.“ Da die Fahrer nach Stunden bezahlt werden, bleiben die meisten gelassen.

Die Schweine auf den Transportern dagegen werden immer unruhiger. Manche beißen sich, andere springen übereinander und brüllen in ihrer ungewohnten Lage vor Angst, Hunger und Durst. Damit der Darm leer ist, werden die Schweine in der Regel schon am Vortag der Schlachtung nicht mehr gefüttert. Und Wasser bekommen die Schweine in der Regel nur im Sommer, damit sie bei der Hitze nicht umkippen. Wie Hohn nehmen sich die launigen Aufschriften auf den Transportern aus. „Wir reisen gut“, ist auf einem zu lesen. Doch die fröhlichen Schweine auf der Lkw-Bemalung stehen im Gegensatz zu den leibhaftigen Tieren, die ihre Rüssel durch die Metallgitter schieben. 

Kurz nach 17 Uhr ist es endlich so weit. Nack darf mit seinen 180 Schweinen an eine der vier Verladerampen vorfahren. Nach sechs Stunden Wartezeit. Es ist längst wieder dunkel. Jetzt gilt es, keine Zeit mehr zu verlieren. Hopp, hopp, hopp, los hier.“ Den Schweinen ist die lange Fahrt anzusehen. Viele sind von ihren eigenen Exkrementen beschmutzt, andere haben blutige Striemen. Doch ihr Leidensweg nähert sich dem Ende. „Hopp, hopp.“ Schlachthofmitarbeiter scheuchen sie in Betonbuchten, die in der CO2-Betäubungsanlage münden. Eigentlich müssten die Tierärztinnen hier jedes Tier lebend begutachten. Doch sie beschränken sich auf Stichproben. Es sind einfach zu viele. 

Für Viehfahrer Nack ist der Arbeitstag noch lange nicht zu Ende. Als die Schweine abgeladen sind, muss er seine Anhänger mit dem Hochdruckreiniger abspritzen. Zweieinhalb Stunden dauert das. Die Fahrt hat Spuren hinterlassen: „Die haben alles vollgeschissen.“

Gegen 22 Uhr erst kehrt Nack nach Lüchow zurück. Im Stall der Viehvermarktung brüllen Rinder. Die sollen am nächsten Morgen auf die Reise gehen.

Eine quälend lange Schweine-Tour im Tiertransporter Niedersachsen Politik Nachrichten / HAZ – Hannov
www.haz.de

Published by: curi56

Fighting for justice means fighting for justice for all of us and not playing around with the colour of skin. Focus on justice. i am a scientist for educ./psychoanalysis/art - and frankly speaking a savant - discovered that I can do more with blogs & social networks for humans in shadow, children in shadow, animals in need et al - I have some more blogs, please, visit them p.e.: www.childreninprison.wordpress.com www.schweingehabt.wordpress.com colouredjustice.wordpress.com Curi56blog et al. I am glad to meet YOU here: Annamaria thank you Annamaria

Katgeorien UncategorizedHinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s